Jürgen Scriba: Der orgelbegeisterte Physiker


Wie bei Moser und Harder-Völkmann nimmt auch bei Jürgen Scriba die Musik eine große Rolle im Leben ein.

Er spielt verschiedene Instrumente, während seiner Schulzeit zählte auch die Orgel dazu. Als er dann sein Physikstudium aufnahm, fiel das abendliche Üben in der Kirche zwar dem Zeitmangel zum Opfer, er blieb dem Instrument jedoch trotzdem eng verbunden.

"Das lag schon an meinem Studium, da Orgelpfeifen in der Physik gern als Beispiel für physikalische Phänomene verwendet werden", sagt Scriba. "Und als ich nach München kam, lernte ich dann auch noch Stefan Moser kennen. Ich sang bei ihm in mehreren Chören und habe für ihn Konzepte für seine Orgelkonzerte in der Philharmonie entwickelt."

Wie auch Moser interessierte sich Scriba dafür, der Orgel ein neues Image zu verleihen. Und so stellte er bereits in St. Lukas sein technisches Know-How zur Verfügung, als es darum ging, die historische Orgel mit einem modernen Konzertspieltisch auszustatten, um den Organisten von der Empore zurück zum Publikum zu bringen.

"Für das anspruchsvolle Konzertprogramm wünschte sich Stefan einige technische Möglichkeiten, wie sie heute zum Beispiel im Gasteig Standard sind, die aber 1920, als die Orgel in St. Lukas erbaut wurde, natürlich völlig utopisch waren. Das Problem: Die Elektronik, die wir uns vorstellten, gab es so gar nicht auf dem Markt. Also entwickelte ich ein Konzept und fand durch das Internet einen bulgarischen Ingenieur, der meine kniffligen Vorschläge wunderbar umsetzte. Das war der Beginn einer guten Zusammenarbeit, die wir auch für den Bau der Orgel in der Industriestraße fortgesetzt haben." Das Ungewöhnliche an diesem Projekt ist, dass Harder-Völkmann und Scriba ein Instrument entwickelten, bei dem die elektronische Steuerung den Klang wesentlich mitbestimmt. "Wir überlegten, was dabei herauskäme, wenn wir die Elektronik gleich von Anfang an zum Kern der Orgel machen würden. Das stellte uns beide vor eine spannende Herausforderung. Wir konnten uns erlauben, das traditionelle Orgelbauprinzip neu zu überdenken.

Üblicherweise kommt im Orgelbau die Elektronik ganz zum Schluss dazu, um mechanische oder bestenfalls elektrische Systeme zu unterstützen. Hier konnten wir unsere Klangvorstellungen entwickeln, ohne auf historische Substanz Rücksicht zu nehmen. Unser Ehrgeiz bestand darin, alle Möglichkeiten der begrenzten Ressourcen auszuschöpfen, aber nicht nur um des Effekts willen. Die Sache sollte auch musikalisch Hand und Fuß haben.

" Die größte Herausforderung der beiden bestand darin, so Scriba, in der engen Zusammenarbeit eine gemeinsame Sprache zu finden. "Da prallten wirklich erst einmal Welten aufeinander", lacht er. "Markus sprach von Winddrücken und Mensuren und ich redete von Schnittstellen und Taktfrequenzen. Trotzdem klappte alles sehr gut, weil jeder Respekt vor der Arbeit des anderen hat, und weil wir in der Zusammenarbeit gelernt haben, einander zu vertrauen."

So entstand neben diversen orgelbauerischen Finessen auch ein ganz neues Steuerungskonzept, das dieses Instrument zu einem Unikat macht. So lässt sich das Spiel von Organisten digital aufzeichnen und jederzeit originalgetreu wiedergeben. Auch Midi-Dateien aus zahllosen Internet-Bibliotheken lassen sich am Computer arrangieren und auf dem Instrument abspielen. Durch den modularen Aufbau ist jederzeit eine Erweiterung um neue Klangfarben (wie weitere Pfeifenreihen oder Percussioninstrumente) oder die Kopplung an rein elektronische Klangerzeuger wie Synthesizer möglich. "Da sind der Phantasie kaum Grenzen gesetzt", meint Scriba und prophezeit: "So richtig endgültig fertig wird dieses Instrument wohl nie werden."